Das Schamanenklischee
und der Schaden, den es verursacht
Die Unklarheit und das Unwissen, was ein Schamane überhaupt ist, charakterisiert die Gegenwartsepoche der modernen technisierten Zivilisation wie nur irgendetwas. Ich sehe mich deshalb zu diesem Eintrag genötigt, weil ich immer wieder mit denselben Mißverständnissen zu tun bekomme, kaum daß jemand mit dem Begriff "Schamane" konfrontiert wird.
Die üblichen Vorurteile
und
beschränkten Ansichten
werden dann wie eine Litanei abgespult und man kann so richtig beobachten, wie das heute vorherrschende Verstandesdenken nach Schubladen und Kategorien sucht, um ein wichtiges menschliches Phänomen wie die Schamaneneigenschaft und Schamanentätigkeit dingfest zu machen.
Der Schamane wird dann zu einem konsumierbaren Unterhaltungs- und Konsumeffekt, genau wie alles, was heute an exotischen und "esoterischen" Randerscheinungen der neurotischen und technisierten Alltagswelt sonst noch so in Erscheinung tritt, nur um mit ein paar Denkreflexen und oberflächlichen Meinungen abgetan zu werden:
Da ist jeder Schamane "natürlich" ist ein Wunderheiler, der durch ungeahnte Kunststücke verblüfft, so daß jedem ein Schauder über den Rücken läuft. "Natürlich" murmelt er Beschwörungen, setzt sich mit der Geisterwelt in Verbindung, als wäre das seine alltägliche Routine, heilt, ebenfalls ganz "natürlich", unheilbare Krankheiten — und alles das, ohne daß der Klient bzw. Patient irgendetwas dazu zu tun braucht; er legt sich nur hin und läßt die Behandlung über sich ergehen, und schon ist das Problem gelöst. Und weil es so etwas in unseren Landen nicht gibt, muß es das "natürlich" in anderen Ländern geben, möglichst fremden, möglichst exotischen "natürlich".
Genau das ist das Problem dieser deutschen Kultur. Sie sieht ihre eigenen Fähigkeiten und Stärken nicht, und wo sie sie antrifft, verteufelt sie sie, wertet sie ab, grenzt sie aus, weil sie ihr unheimlich werden. Das erinnert sie sofort an Hitler und die Nazis, an gefährliche Faszination, Kritiklosigkeit und üble, finstere Machenschaften. Was sie selbst anbelangt, muß sie immer schön gehorsam, unterwürfig und angepaßt bleiben, richtet sich immer genauestens nach dem, was von einem erwartet wird, tanzt nie aus der Reihe, zeigt nie offen Begeisterung für Unbekanntes und Ungewohntes, sondern lebt ein duckmäuserisches Leben, das ihr von den Massenmedien vorbuchstabiert wird — die alle inzwischen wie auf wundersame Weise dieselbe Litanei der Geläufigkeit und der gängigen "Trends" wiederholen und in die Köpfe pusten.
So bekommt der Schamane seinen Platz zugewiesen, entweder als fremder Exot in bunten Gewändern und mit Riten und magischen Formeln, die ohnehin keiner versteht, oder als einheimischer Kasper und Spinner, der genau das irgendwo im Ausland abgeschaut hat und es hier einem staunenden Publikum vorführt wie das neueste Zirkuskunststück. Da wird dann getrommelt, geschwitzt, werden Krafttiere gesucht und fantastische Vorstellungen geformt und nachgeahmt, und für Momente kann man die Lage in unserem Land, die Situation des eigenen Lebens mit seinen ungelösten Schwierigkeiten und Fragestellungen vergessen, all dieses Komplizierte, Ärgerliche, Unlösbare: die neueste Steuererhöhung, mit der der einfache Bürger (nicht der Reiche!) wieder mal für dumm verkauft und schamlos ausgenommen wird (und er hat bereits gut und willig gelernt, wie man so etwas über sich ergehen läßt), die neuesten Kriegsvorbereitungen, den Abbau der sozialen Absicherungen für Alte, Kranke, Schwache und Arbeitslose, die neuesten Wirtschaftsumbrüche, mit denen immer mehr Geld aus dem Land und seinen Menschen herauszusaugen versucht wird, die immer weiter zunehmende seelische und zwischenmenschliche Verarmung in Alltags- und Privatleben.
Gegen das Klischee rennt man fast vergeblich an, genau so wie gegen alles, was heute gängig und üblich ist, und ist es noch so verrückt, dumm und borniert. Wenn Millionen auf dieselben Fehlschlüsse und Irrtümer hereinfallen, kann der Einzelne nichts dagegen ausrichten. Sich zu ärgern hat keinen Zweck. Er kann nur für sich klarstellen, daß er damit nichts zu tun hat.
Ich jedenfalls werde meine Arbeit ruhig und zuversichtlich fortsetzen, weil sie etwas Tieferes berührt und weil sie mehr Wahrheit hat als das, was in der breiten Öffentlichkeit nachgeplappert wird. Zum Sein und zur Aufgabe das Schamanen gehört eben auch mit dazu, allein stehen und sein Wissen unbeirrt vertreten zu können — er ist nicht darauf angewiesen, von irgendwelchen anderen darin schulterklopfend bestätigt zu werden, um sich darin treu bleiben zu können. Auch das zählt mit zu seiner Rolle. Und mit Schamane meine ich ganz bewußt den authentischen deutschen Schamanen, nicht die Klischeefigur oder das Importprodukt.
Wußten Sie schon, daß es immer schon Schamanen gab in Deutschland; wußten Sie, wie sie arbeiteten und was sie bewirkten? Haben Sie schon einmal über die schamanische Kraft eines Johann Wolfgang Goethe nachgedacht, oder eines Rainer Maria Rilke? Oder eines Ludwig von Beethoven, Franz Schubert oder Gustav Mahler? Ach so, das sind keine Schamanen? Denken Sie — ich nicht!
Fragen Sie sich doch bitte einmal genauer, was Sie meinen, worin ein in dieser Kultur genuin entstandenes und eingebrachtes Wirken bestehen könnte und sollte. Wozu die Menschen, die hier lebten und leben, imstande wären, wenn sie all ihren inneren Visionen und Sehnsüchten vollsten Gehorsam leisten würden, wenn sie diese Visionen und Sehnsüchte über die angeblichen "Notwendigkeiten" einer Gesellschaft von Mitläufern und passiv Konsumierenden, von Fernsehglotzern und Bildzeitungslesern stellen würden, ja, wenn sie sich diesen Visionen und Sehnsüchten mit Haut und Haaren opfern und nicht eher aufhören würden, als bis sie sie in diese tägliche deutsche Realität eingebracht hätten — eben weil sie gar keine andere Wahl hätten, als das zu tun, und weil sie andernfalls das Gefühl hätten, ihr ganzes Leben sinnlos verbracht und weggeworfen zu haben.
Um diese Art Mensch geht es mir hier — genau um diesen! Es ist der, der tut, was getan werden muß. Es ist der, der die Kraft bis zum letzten nutzt, die er hat — auch wenn er der einzige ist, auch wenn er ganz alleine steht inmitten von Millionen Kriechern und Angepaßten und Nachäffern der aktuell geltenden Werte von Trend, Mode, politischer Parole oder dem neuesten Geschwätz wissenschaftlicher "Experten", die zwar denken, aber nicht leben.
Der wirkliche deutsche Schamane ist etwas ganz anderes als die äußerlich identifizierbare Klischeeversion — er arbeitet auf einer viel tieferen und subtileren Ebene: dort, wo das Innerste eines jeden betroffen ist, wo es darum geht, der zu werden und zu sein, der allein einer sein kann, und wenn ihn sein Gewissen genügend sticht, auch sein muß. Diese Kraft, die ursprünglich in jedem vorhanden ist, in den meisten aber leider eingeschläfert und hypnotisiert ist, so daß sie nur noch sachte und unbewußt schlummert, die in vielen, allzu vielen schon verraten und verkauft ist, und die in einigen vielleicht schon endgültig verdorben und erstorben ist: diese Kraft anzusprechen und mit allem Wissen und Sehen — das nur ein Schamane hat, kein Psychologe, kein Pädagoge, kein Pfarrer, höchstens noch ein Liebender und ein echter Freund —, zu unterstützen und zu stärken, das ist nicht nur die Aufgabe und Berufung des echten Schamanen, sondern es ist auch für viele ihre letzte und einzige Chance.
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